Das Making of zum Menschenbild

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photographer: Arpad Kunzfeld
subject: „1 Klafter hoch“, Hertha-Stollen, Silber-Bergbau Großstübing / „6 feet high“, Hertha adit, ancient silver mine Großstübing, Styria


„Menschenbilder 2017“ – die diesjährige Leistungsshow der steirischen Berufsfotografen – läuft gerade am Grazer Mariahilferplatz und wir sind mit dem Bild „1 Klafter hoch“ dabei. Wie ist nun dieses Bild entstanden? Hier ist das “Making of”:


Das Foto mit dem Titel „1 Klafter hoch“ wurde in einem alten und bereits lange in Vergessenheit geratenen Bergwerksstollen des ehemaligen Silber-Bergbaues rund um Großstübing aufgenommen. Eine Location, die für viele Fotografen ungewöhnlich, wenn nicht sogar unmöglich erscheint. Absolute Dunkelheit, Schmutz, Feuchtigkeit, allerlei Getier, schmale und niedrige Gänge, teilweise kriechende Fortbewegung sind die “Widrigkeiten”, die es hier zu bewältigen gilt. Hier gelten die Gesetze der Studio-Fotografie nur in ihren Ansätzen, hier sind Lichtstimmungen das ein und alles, hier wird fast immer mit Shift-Optiken gearbeitet, hier gibt es erweiterte physikalische Gesetze. Und um genau solche Projekte erfolgreich umsetzen zu können erfordert es neben dem Beherrschen der fotografischen Technik in der absoluten Dunkelheit eine gute Planung, strukturiertes Arbeiten und eine sehr große Portion an Liebe und Wissen über diese Art von Unterwelt, innerem Feuer und Freude an der Fotografie.


Bereits die Vorarbeiten, damit überhaupt fotografiert werden konnte waren abenteuerlich. Es begann damit, dass das einstige Mundloch des Stollens fast zur Gänze mit Erdreich und Steinen verfüllt war und der Zugang in den Stollen unmöglich erschien. Es bedurfte daher zuerst einiges an Grabarbeiten, um den Eingang soweit frei zu legen, dass wenigstens ein Kriechen in das Stollensystem möglich wurde. Das bedeutete aber auch gleichzeitig, dass die gesamte fotografische Ausrüstung kriechend in den Stollen befördert werden musste. Und das war nicht wenig. Kamera, Objektive, mehrere Stative und Systemblitze, Funksteuerungen, Lichtformer und noch vieles mehr mussten unversehrt und sauber durch ein 50 cm mal 50 cm großes Loch im Waldboden geschafft werden. Und da ich diese Aufnahme ohne jegliche Assistenz durchführte, musste ich alles über unwegsames Gelände zum Stolleneingang transportieren, dort graben, um die Öffnung freizulegen, alles in das Stollensystem bringen und später noch als Model vor der eigenen Kamera agieren und als Fotograf hinter der Kamera arbeiten.


Diese ersten Arbeiten sind schweißtreibend und erfordern bei sehr engen Löchern vielleicht etwas an Mut, jedenfalls an Klaustrophobie sollte man nicht gerade leiden. Die nächste Herausforderung war es die richtige Motivposition zu finden. Hier kam mir die Tatsache zu Hilfe, dass ich diesen Stollen aus vergangenen Zeiten kannte, ich dort vor Jahren bereits fotografierte und daher bereits vorab planen und “scribbeln” konnte. Trotzdem sah es dann in der Realität etwas anders aus und da bedurfte es der Fähigkeit sich fertige Bilder vor dem geistigen Auge vorstellen zu können und die Kamera gleichsam im Blindflug in dem schmalen Lichtkegel einer Stirnlampe auszurichten. Und ab nun wurde es richtig interessant: Es galt nämlich Licht zu setzen und das Selbst-Einrichten vor der Kamera ohne einem Einstell-Licht und ohne echten Anhaltspunkten zu bewerkstelligen, denn die absolute Dunkelheit in einem Stollen oder einer Höhle ist schwärzer als die Nacht. Es bedarf viel an Erfahrung, einer speziellen Technik um sich Linien zum Ausrichten zu merken, viel an Improvisation und keine Scheu vor der Dunkelheit und dem scheinbar unwirtlichen Umfeld. Wie ein Schirennläufer sich den Kurs einprägt, der Balletttänzer seine Chorographie lernt ist es hier notwendig sich an Hand von Steinen am Boden Ausrichtungslinien sehr exakt zu merken. Denn nur kleine Abweichungen von dieser idealen Linie bewirken belichtungstechnische Fehler, vor allem dann, wenn Systemblitze gegen die Kamera gerichtet sind. Es bedeutete aber Reihen von Aufnahmeserien mit vielen voneinander ein klein wenig sich unterscheidenden Körperpositionen, um Lichtsäume und Lichtersterne optimal zu platzieren. Die Kamera immer über die Funkfernsteuerung ausgelöst, warm werdende Akkus von mehrfach gekoppelten Systemblitzen, tropfendes Wasser von der Decke, hin und her laufen zwischen dem eigenen Model-Standort und der Kamera zur Bildkontrolle, Morast unter den Fußsohlen, mit Lehm verschmierte Finger, die Kamera tunlichst nicht zu berühren sind die kleinen und bei der Untertagefotografie normalen Herausforderungen. Zu aller letzt galt es alles zusammen zu packen, nichts in der Dunkelheit zu vergessen, denn fotografische Ausrüstung ist dafür auf Grund der meistens schwarzen Farbe prädestiniert, alles wieder durch das enge Loch zu pressen und sich anschließend mit Freude an die Ausarbeitung der Bilder zu machen.


Zum Abschluss noch eine Zeile zum Titel: der Name „1 Klafter hoch“ geht auf des alte Längenmaß des Klafters zurück. Ein Längenmaß dass zur Zeit einer Maria Theresia bei uns gebräuchlich war und nach unserem heutigen metrischen System 1,89 Meter betrug. Die meisten dieser aus dem frühen 18.Jahrhundert stammenden Stollen wurden „1 Klafter“ hoch gebaut, sodass ein Bergmann aufrecht in einem Stollen stehen konnte. Auf der Aufnahme lässt sich dieses historische Stollen-Profil noch gut erkennen.

 

content and image: copyright by Arpad Kunzfeld